6. Juni 2024
Fotos & Text: Marco Leisi

Gaia, Paradiso und Aurora heissen die drei jungen Bartgeier, die heute im hochalpinen Obwalden in die Freiheit entlassen werden. Schon in zwei Wochen sollen sie selber fliegen und später als Erwachsene den Gen-Pool der ganzen Wildpopulation in den Alpen auffrischen. Dabei werden Sie ständig vom Team rund um Dr. Daniel Hegglin und Franziska Lörcher der Stiftung Pro Bartgeier überwacht. Der Aufstieg zur «Kinder-Klippe» ist aber anspruchsvoll und hindernisreich

In Transportkisten werden die Bartgeier-Jungvögel hoch zum Auswilderungsort getragen.

Die Rückkehr des Bartgeiers in die Alpen ist ein internationales Projekt, bestehend aus einem Netzwerk von über 40 Zoos und Zuchtstationen sowie Naturschutz-Organisationen, das mit grosser Sorgfalt betrieben wird. Ausser den wichtigen Voraussetzungen in den Siedlungsgebieten, wie ein gutes Nahrungsangebot und ausreichend Schutz, damit die empfindlichen Tiere über einen langen Zeitraum lebensfähig bleiben, braucht es vor allem auch überzeugte Menschen aus Wissenschaft, Politik und der Bevölkerung in den Brut- und Nahrungsgebieten.

Es sind gerade die bodenständigen Obwaldner Wildhüter und Jäger, die mit ihrer unaufgeregten und kompetenten Art während dem gesamten Auswilderungsprozess zeigen, mit welch Engagement und Devotion sie dem Projekt begegnen und wie wichtig Ihnen die grossen «Fegu» geworden sind.

Franziska Lörcher und das Team vom Tierpark Goldau entladen eines der Bartgeier-Jungtiere auf der Stöckalp
Bartgeier ernähren sich hauptsächlich von Knochen und Aas. Hier bei Gaia sieht man sehr schön, wie die Luftröhre fast bis zur Schnabelspitze reicht.
Daniel Hegglin packt beim Umladen in die Transportkisten mit an. Paradiso ist verständlicherweise aufgeregt.
Die Tiere werden auf der Tannalp in Holzkisten geladen, von dort aus gehts zum Auswilderungsort.

Das Team des Tierparks Goldau bringt die drei Knochenfresser zur Talstation Stöckalp. Genau, Bartgeier ernähren sich hauptsächlich von Knochen und Ass, sind also keine Jäger. Der fälschliche Ruf als gefährlicher Beutegreifer, der es v.a. auf Schafe und andere Nutztiere der Bergbauern abgesehen hat, wurde ihm zum Verhängnis, was Anfang des 20. Jahrhunderts zu seiner Ausrottung im Alpengebiet führte. Aufgrund des Wiederansiedlungsprojekt, das 1986 in Österreich startete, ist der Bartgeier heute auch wieder in der Schweiz heimisch.

Das Goldau-Team hat die Tiere aus Spanien, Frankreich und Österreich in Empfang genommen und in den letzten Wochen betreut. Von der Stöckalp aus werden die Käfige mit dem Mobility-Transporter via Melchsee-Frutt zur Tannalp befördert. Es ist ein wunderschöner Frühsommertag mit Bilderbuchwetter, aber es liegt noch so viel Schnee, dass an eine Weiterfahrt zum Bartgeier-Infostand nicht zu denken ist.

Dieser Schnee hat dem Projekt-Team kurzfristig einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Auswilderung wird nämlich seit Jahren als Publikumsanlass durchgeführt. Das Patronat der Neuvögel halten der Kanton Obwalden (Gaia), die Bartgeierfans der Stiftung Pro Bartgeier (Aurora) sowie eine Privatperson (Paradiso) inne. Jährlich nehmen neben Top-Politikern, Stiftungsräten und Wissenschafterinnen der Vogelwarte Sempbach auch über 300 Private, hauptsächlich Familien mit Kindern, am Auswilderungs-Event teil. Zusammen mit Wildhütern, Jägern und den verschiedenen Naturschutzgruppen tragen Sie zur grossflächigen Informationsvermittlung bei. In diesem Jahr musste wegen akuter Lawinengefahr im Hochtal der Publikumsanlass vom 2. Juni abgesagt werden. Also stiegen ausschliesslich die Hauptverantwortlichen und Helfer zum Auswilderungsort hoch.

In grossen Holzkisten trägt das Projektteam die Jungvögel auf ihren Rücken durch den nassen Schnee, via Infostand-Bartgeier, über Geröllhügel, den Steilhang hinauf bis zu einem Lagerplatz gleich neben der Klippe, wo die jungen Bartgeier später platziert werden. Am Lagerplatz unter einem grossen Felsvorsprung gibt es neben der fantastischen Aussicht auch viele Anzeichen dafür, dass hier regelmässig Steinböcke vorbeikommen. Gemäss einem genauen Einsatzplan werden nach einer kurzen Mahlzeit die verschiedenen Arbeiten an der Infrastruktur ausgeführt und die Auswilderung vorbereitet. Pfosten, Halterung und Verkabelung der Webcam müssen neu montiert werden, weil sie aufgrund der grossen Schneemassen weggedrückt wurden. Die Webcam ist übrigens auch für die Öffentlichkeit zugänglich, hier können die ersten Flugversuche mitverfolgt werden. Der Zaun, welcher die Vögel vor potentiellen Fressfeinden schützt, die es u.a. auch auf das Futter abgesehen haben, das Die Geier noch ein paar Wochen lang erhalten, wird geflickt und schliesslich warme Nester vorbereitet.

Während der Vorbereitungen ruhten die Vögel in den Transportkisten. Nun werden sie entlang eines Felsvorsprungs zu ihren Nestern getragen. Behutsam wird einer nach dem andern aus der Holzkiste gelupft und anschliessend besendert. Die Sender sind solarbetrieben und liefern über das Mobilfunknetz GPS-Daten, womit die Vögel jahrelang überwacht werden können. Natürlich wehren sich die Jungvögel vehement und es braucht zwei bis drei Paar starke Arme und Hände, um die riesige Kraft der Tiere zu bändigen und nicht durch den spitzen Schnabel oder die sehr kräftigen Krallen Verletzungen davonzutragen.

Sobald Gaia, Paradiso und Aurora in ihren Nestern platziert sind, werden alle Mitarbeitenden gebeten, den Auswilderungsort zu verlassen. – Die Tiere sind von jetzt an auf sich gestellt.

Die Auswilderungs-Crew mit grossem Herz und viel «Gschpeeri» für Wildtiere auf der Stöckalp.

Weitere Infos & News rund um Bartgeier in der Schweiz: bartgeier.ch

Spätestens im nächsten Frühling vorbeischauen und selber mit dabei sein!

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